Der TV von 1933  bis 1945

"Die, Gezwungenen, Verführten, Getäuschten, Mitläufer aber, deren Schuld allein darin besteht, daß sie so waren, wie die meisten Menschen immer sind in einer Gewaltherrschaft, ängstlich, anpasserisch, aufs persönliche Durchkommen bedacht - die alle soll man nicht bis ans Ende ihrer Tage mit Unwerturteilen demütigen und in Schuldgefühlen festhalten".

(Johann Georg Reißmüller, F. A. Z. vom 5. 1. 1994)
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Konnte der Vorstand des TV noch am 20. 2. 1932 einen Antrag ablehnen, der NSDAP die Turnhalle zur Verfügung zu stellen (In der Ablehnung heißt es, daß keine Partei die Turnhalle benutzen soll), wird danach der Druck auf den TV immer größer.
 
Die Reichstagswahlen am 31. 07. 1932 brachten der NSDAP in Idstein knapp 54%, weit über dem Reichsdurchschnitt (!).
 
"Die Übernahme der Regierungsgewalt durch den NS im Deutschen Reich am 30. 1. 1933 leitet eine vollkommene Umformung des Staats- und Volkslebens nach NS-Grundsätzen ein.
Auch das Gebiet der Leibesübungen wird davon betroffen. . . . Am 12. 5. (1933) wird der Vereinsführer Lehrer Eduard Neitzer einstimmig gewählt
".
(Eduard Neitzer löste damit August Stremmel ab, der keiner Partei angehörte.)  Soweit Kirmsse.

Hierzu nun Georg Grandpierre sen., der in seiner Schrift "100 Jahre Zweigverein Idstein des Taunusklubs" vermerkt:

"Die sogenannte Gleichschaltung der Vereine wurde durch Ernst Junior raffiniert im Sinne unseres Klubs durchgeführt, indem er Parteimitglied wurde und damit den fanatischen politischen Gegnern den Wind aus den Segeln nahm.
Sein geheimes Losungswort war:. 'Also müssen wir uns vorne hinspielen, damit nicht viel kaputt gemacht wird'. Danach handelte auch Ede Neitzer im Turnverein.
...Und dafür wurden sie dann später bei der "Entnazifizierung" bestraft
".
 
Der Vereinsführer Eduard "Ede" Neitzer wurde aufgrund einer anonymen Anzeige nach Ende des II. Weltkriegs von den Amerikanern für neuneinhalb Wochen im Zuchthaus Freiendiez gefangen gehalten und sofort nach der ersten Vernehmung freigelassen, als man feststellte, daß kein Anklagepunkt gefunden werden konnte.

Aus der "Idsteiner Zeitung" (1. November 1933) :

"In Zukunft soll der Sport zu einer machtvollen Einheit verschmolzen werden, um mitzuhelfen an der Erziehung unserer Jugend und unseres Volkes.
Dieses Gedankengut Jahns bringt die nationalsozialistische Regierung zur Verwirklichung. . . .
".

Die Aufgabe, NS-Gedankengut der Turnerschaft nahezubringen, übernahm der Dietwart.
Dietarbeit war nach damaligem Verständnis "Erziehungsarbeit und wurde deshalb im engen Anschluß an die politische Willensrichtung des Staates, an die Partei aufgebaut" ["diet" = das Volk].

Konkrete Schwerpunkte der Dietarbeit waren Rassen- und deutsche Volkstumskunde. Heute würde man diese Art der "Erziehung" Gehirnwäsche nennen.
 
links: Kreisturntag 1935 am Rathaus

Kirmsse weiter:
"Das Jahr 1935 verkündet zunächst die "Einheitssatzung für die dem Deutschen Reichsbund für Leibesübungen angeschlossenen Vereine der Deutschen Turnerschaft". . . . . .

Dazu ein Auszug aus dem Protokollbuch Nr. 4 des TV 1844 Idstein (Hauptversammlung der Mitglieder am 29. 3. 1935):
"Die vom RfL (Reichsbund für Leibesübungen) aufgestellten Einheitssatzungen werden nunmehr Punkt für Punkt durchgegangen und. . . . . . . . einstimmig angenommen. "

Diese Satzung bereitete den Vereinsoberen sehr viel Kopfzerbrechen, enthielt sie doch den (später berühmt-berüchtigten) "Arierparagraphen", den §4:

"Mitglieder des Vereins können nur unbescholtene Deutsche werden. Als Deutsche gelten nur Volksgenossen, deren Eltern und Großeltern Arier sind. "

Die Deutsche Turnerschaft beschloß am 23. 11. 1935 in Berlin ihre Selbstauflösung, "um in einer unverlöschlichen Tradition weiterzuleben. ", so M. Kirmsse. .

Deshalb wird beim Gauturntag 1936 in Idstein die Reichsbundflagge emporgezogen.
 
Idsteiner Zeitung vom 30. 12. 1935
(Artikel “Die Idsteiner Tagung der Turnerführer des Gaues 12 Hessen”) :

"Noch ganz unter dem Eindruck dieser Tagung (vom 23. 11. ) stehend, schilderte er (Gauführer Hermann Schäfer=Kassel) bewegt, wie die verantwortlichen Turnführer den Schritt aus tiefinnerster Ueberzeu- gung tun mußten, nachdem im neuen Reich Adolf Hitlers nun der Augenblick gekommen war, in dem die Turnerschaft ihre geschichtliche Sendung als erfüllt ansehen konnte. . .
. . . der Verband der Deutschen Turnerschaft werde wohl nicht mehr sein, aber fortleben werde deutsches Turnertum, der tunerische Gedanke im neuen RfL. . .
 . . . jeder, der wünsche, daß Jahnsches Gedankengut und nationalsozialistisches deutsches Wollen dereinst der einen deutschen Leibesübung Form und Inhalt geben, werde mit der gleichen Liebe und Treue, die er in der Arbeit in der DT verwandt, auch im Reichsbund mitwerken und mitschaffen zum Segen von Volk und Vaterland. . .

DT=Gauführer Brunst dankte dem Turnkreisführer Neitzer und der Stadtverwaltung für die würdige Vorbereitung der Tagung und schloß, nachdem er noch das Huldigungstelegramm an den Reichssportführer verlesen, mit einem Treuegelöbnis:

‘Wir gedenken in Stille der scheidenden DT, wir gedenken in Ergriffenheit und freudiger Begeisterung unseres neuen Reiches; wir geloben unserem Führer aus vollstem Herzen Liebe und Treue’.

Begeistert wurde das Sieg=Heil auf den Führer aufgenommen.
Das Deutschlandlied und das Horst=Wessel=Lied beschlossen die Kundgebung.
"

Kirmsse berichtet über das Jahr 1939:

"Der Zweite Weltkrieg beginnt. Seit dem 1. 9. marschieren die Soldaten, davon 22 Turner aus Idstein. "

1942 wird die totale Erfassung aller sporttreibenden Vereine noch einen Schritt weitergetrieben, indem die "Gemeinschaft für Leibesübungen"(GfL) gegründet wird.

Im Anschluß an die Jahreshauptversammlung des TVI gibt der Vereinsführer den Anschluß des Schützenvereins, des Verkehrsvereins und der Ortsgruppe des Taunusbundes bekannt.

Mit dem Schützenverein gelangte das Schützenhaus mit den Schießanlagen in Vereinsbesitz, mit dem Verkehrsverein das Schwimmbad. Die TGS 1879 und der SV 1920 waren schon vorher mit dem TV 1844 vereinigt worden.

Beim 100jährigen Jubiläum des Vereins tritt im Rahmen des Festprogramms auch die Reichsriege auf. Sie besteht aus Hans Friedrich, dem Deutschen Meister im Zwölfkampf, Alfred Müller aus Leuna, dem dreifachen Deutschen Meister am Reck, dem mehrfachen Gaumeister Georg Strobel aus Hüttlingen, Kurt Schöneich, dem Gaumeister des Westerwalds und Heini Henkel aus Frankfurt am Main.

rechts: der Turn- und Ältestenrat 1944

Gausportführer Rieke will sich für den TV 1844 verwenden, damit dieser den Wanderpreis des Gauleiters erhält.

Dieser Preis , es ist nichts mehr darüber in den Unterlagen des Vereins zu erfahren, gelangt offenbar nach Idstein, ist aber wegen der geschichtlichen Abläufe nie "gewandert", sondern hat all' die Jahre treu in den Kellern der Volksbank verharrt, um nun in seiner stabförmigen Gestalt einem staunenden Publikum gezeigt zu werden (unten).



In seiner Festschrift zum 125jährigen Bestehen des TV schreibt Gerd H. Boettger im Kapitel "Zusammenbruch und Neubeginn" :
"...Nur zu leicht ist der Mensch erfüllt von den Ereignissen eines jeden neuen Tages;er erinnert sich nicht gerne der Schwere vergangener Jahre.
Doch soll gerade der Abstand der Jahre Anlaß zu einer dankbaren Erinnerung an diejenigen sein, die begannen, wertvolles Zerschlagenes zu erneuern und Neues zu erbauen!. . .
. . . zumal war, wie Lilli Junior. vermerkt, ‘der TV im Dritten Reich zwangsläufig zu einer “NS-Gemeinschaft für Leibesübungen” geworden und dadurch in die strafbaren Rubriken der damals berühmten und gefürchteten Fragebogen der Siegermächte gekommen’
".

Zur Vorstandswahl 1947 wurden sieben ehemalige politisch unbelastete Mitglieder vorgeschlagen.
1949 erhielt Eduard Neitzer bei der Vorstandswahl 90 Stimmen und wurde damit wieder zum 1. Vorsitzenden gewählt.

 

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