Drittes Krankenhaus-Jahrzehnt

Am 12. Februar 1925 bestand das Idsteiner städtische Krankenhaus zwanzig Jahre. Allerdings wurde in der Heimatpresse mit keiner Zeile daran erinnert. Man hatte genug Sorgen. Doch es war trotz der andauernden Besatzung auch das Jahr einer beginnen den Normalität des täglichen Lebens, die leider nicht allzu lange anhalten sollte. "Normalität" ist, zumindest beim Blick in die Heimatzeitung, auch das Stichwort für das Krankenhaus. Im Finanzbericht der Stadt vom 13. Januar 1925 wird es überhaupt nicht erwähnt. Die Zuschüsse dürften sich nach der Neuregelung der Krankenversicherungspflicht durch Verordnung vom 12. Januar 1925 verringert haben.

Baulich konnte nun auch etwas für das Haus getan werden. Am 30. April 1925 beschlossen die Stadtverordneten die Anlage eines Kellers; die Arbeiten wurden am 18. Mai ausgeschrieben. Anscheinend waren Idsteins Handwerker gut ausgelastet, denn die Ausschreibung wurde in der Zeitung viermal wiederholt! Vielleicht hing dies mit dem Zuzug nach Idstein zusammen; von Oktober 1924 bis Mitte 1925 nahm die Einwohnerzahl um mehr als 150 auf 3453 zu! In der Sitzung der Stadtverordneten am 28. Juli ging es erneut um Verbesserungen im Krankenhaus: Beantragt wurde die Beschaffung einer Röntgenapparates und die Überprüfung der Badeeinrichtung. Letzteres führte am 1.September zu einer Ausschreibung des Magistrats betreffs Lieferung einer Badewanne! Auch von Dank für "die liebevolle Pflege im städtischen Krankenhaus Idstein" war wieder zu lesen (
59). Bei der Neufestsetzung des Pflegegeldes gab es nur in der III. Klasse eine leichte Erhöhung auf 3 Mark für Einheimische und 3.50 Mark für Auswärtige (60).

So hätte man mit einigermaßen Zuversicht das dritte Jahrzehnt des Krankenhauses beginnen können, doch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung mit Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und politischem Extremismus brachte bald neue Unruhe. Für das Krankenhaus blieben nach wie vor die finanziellen Probleme Thema der Stadtverordneten. Im Rechnungsjahr 1927 schloß sein Etat "durch erhebliche Ausgaben für Neuanschaffungen" mit Verlust ab, obwohl das Wohlfahrtsministerium einen Zuschuß von 4000 RM (Reichsmark) leistete.

Daß nach fast einem Vierteljahrhundert das Krankenhaus zu den selbstverständlichen, ohne große Probleme funktionierenden Einrichtungen der Stadt gehörte, zeigt der ausführliche Bericht über "die kommunalen Aufgaben der Stadt Idstein nach dem Kriege", den Bürgermeister August Holstein am 29.März 1928 bei der Bürgermeisterversammlung hielt (
61): Das Krankenhaus wurde unter den vielen Details von der Erwerbslosenfürsorge über Schulwesen, Wald und anderes bis hin zur Förderung der Landwirtschaft überhaupt nicht erwähnt! Überdies standen die Stadtverordneten in den ersten Monaten des Jahres 1928 ganz unter dem Eindruck des Felssturzes vom 14. Februar, der das Rathaus so schwer beschädigte, daß die Zeitung von einer "Katastrophe" schrieb und man ernstlich den Abriß erwog.

Erst am 5. Mai stand das Krankenhaus bei Vorlage des Etats wieder auf der Tagesordnung, und am 2. August mußte Holstein den Stadtvätern im Blick auf das Haus mitteilen, es werde "schwer halten, 1928 ohne Gewährung von Zuschüssen auszukommen". Er sollte Recht behalten, und es wurde auch in den folgenden Jahren nicht besser. Erst 1931 wurde erstmals seit dem Inflationsjahr 1923 wieder ein kleiner Überschuß von 563 RM erreicht (
62). Das allerdings war eine Ausnahme, denn für 1934 wurde wieder ein Zuschuß von 2.110,27 RM und für 1935 von 3.099,27 RM erforderlich.

Doch es gab Ende der 20er Jahre auch neue Fakten im und für das Krankenhaus. So war in der Stadtverordnetenversammlung vom 2. August 1928 erstmals die Rede von Überlegungen zu einer Erweiterung mit mehr Räumen und Betten und entsprechenden Anträgen auf Zuschüsse: "Die Belegungsziffer ist gut", doch würde mit einer größeren Bettenzahl "eine Steigerung der Einnahmen eintreten" (
63). Schon auf der Zeichnung vom "Lageplan des neuen Krankenhauses", in der IZ aus Anlaß der Einweihung 1905 zu sehen, war ein Areal im Anschluß an das neue Gebäude nach Norden hin als "geplante Erweiterung" ausgewiesen, doch sollte es bis 1954/56 dauern, daß der Plan verwirklicht werden konnte.

Eine geradezu "revolitionäre Neuerung" beantragte Stadtverordneter Beuerbach "als Kommunist" in der Sitzung am 19. Juli 1929 bei den Etatberatungen für 1929/30: "Die Klasseneinteilung im städtischen Krankenhaus wird aufgehoben. Alle Kranken werden nach den gleichen Grundsätzen behandelt und verpflegt" (
64). Allerdings blieb sein Vorstoß ohne Erfolg, denn weder in dieser noch den folgenden Stadtverordnetenversammlungen gab es einen Beschluß zum "klassenlosen Krankenhaus". Fast zehn Jahre später, im März 1937, war beim neuen Pflegekosten-Tarif lediglich die Rede davon, er sehe "für Einheimische und Auswärtige die gleichen Pflegesätze vor. Hierdurch wird eine noch stärkere Belegung des Krankenhauses von auswärts erwartet".

Ein besonderes Ereignis, das zwar das Krankenhaus nur mittelbar betraf, dessen damalige außerordentliche Bedeutung man sich jedoch heute kaum vorstellen kann, war im Juni 1928 die Beschaffung (für knapp 9000 Mark) und feierliche Einweihung des Krankentransport-Autos der Freiwilligen Sanitätskolonne Idstein vom Roten Kreuz. Das große Fest und die entsprechend ausführliche Berichterstattung in der Idsteiner Zeitung (
65) wird verständlicher, wenn man weiß, daß es am 1. Juli 1928 im ganzen Untertaunuskreis gerade einmal 135 Personenautos, 44 Lastkraftwagen und 238 Krafträder gab! (66).

Bei der Einweihungsfeier teilte Provinzialinspektor Gewerbeobermedizinalrat Dr.Betke (Wiesbaden) mit: "Der Aktionsradius der Sanitätskolonne soll jetzt auch auf das Land ausgedehnt werden, wo unbedingt Hilfe bereitgestellt werden muß," und unterstrich: "Bei einem Unfall ist es von allergrößter Wichtigkeit, daß dem Verunglückten innerhalb der ersten sechs Stunden sachgemäße Hilfe durch den Arzt oder im Krankenhaus gegeben wird". Bürgermeister Holstein fügte die Hoffnung an, "daß die Rote-Kreuz-Kolonne mit ihrem Werke auch in Zukunft der Menschheit weiter dient, und daß diese Einrichtung der gesamten Bürgerschaft sowie der Umgebung zum Segen gereichen möge". In der Folgezeit ist oftmals in Zeitungsberichten vom Einsatz des Sanitätsautos zu lesen.

Drei ganz unterschiedliche Berichte der Idsteiner Zeitung geben im Jahr 1932 Einblick in das Geschehen der Zeit. Eine Tabelle vom August zeigt auf, daß die Zahl der von der Kreiswohlfahrt betreuten Arbeitslosen am 1. März 1932 im Untertaunuskreis 1881 betrug, davon 23 Prozent in Idstein. "Die Statistik zeigt mit Deutlichkeit", so im Text zur Tabelle, "das stetige Anwachsen der Gesamtarbeitslosigkeit im Untertaunuskreise". Die zweite Meldung, ebenfalls vom August 1932, berichtet von einem Zusammenstoß eines Motorradfahrers mit einem Pferdefuhrwerk, eine heute gewiß sehr seltene Konstellation! Der Motorradfahrer aus Bermbach und seine Sozia mußten ins Idsteiner Krankenhaus eingeliefert werden. Die dritte Information, eine Bekanntmachung des Magistrats vom 15. Dezember 1932, betraf das Krankenhaus direkt. Gebeten wurde um Lesematerial, da das Haus "keine Bücherei zur Unterhaltung der Kranken besitzt".

In das dritte Krankenhaus-Jahrzehnt fällt auch mit dem 30. Januar 1933 die Berufung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, die radikale Änderungen im gesamten Leben des Volkes und der einzelnen Menschen brachte. Das Krankenhaus wurde allerdings weniger betroffen als andere Bereiche, da es eigenen, fachspezifischen Bedingungen unterliegt. "Vergessen" wurde es von den neuen Machthabern dennoch nicht! Ein bezeichnendes Beispiel ist der "neue Schwesterntyp" als "politischer Soldat mit nordischer Weltanschauung" (
67); auch die "braunen Schwestern" der NS-Schwesternschaft fügen sich in das Zeitbild ein (Anmerkung: "braun" war die nationalsozialistische Uniformfarbe).

Erinnert wurde die Einwohnerschaft Idsteins und der Umgebung in den 30er Jahren an das Krankenhaus allmonatlich durch das Inserat in der Idsteiner Zeitung mit Ankündigung der Kreisärztlichen Sprechstunde, die dort stattfand. Wie aus einer dem Autor vorliegenden Aufstellung (ohne Quellenangabe) hervorgeht, wurden 1935 im Krankenhaus 197 Kranke an zusammen 2981 Pflegetagen behandelt, hiervon 96 männliche und 101 weibliche. Es wurden 127 "größere chirurgische Eingriffe vorgenommen". Die Pflege wurde von drei Schwestern, einer Köchin und zwei Hausmädchen geleistet.

Erfreulich war, daß die "Ratsherren" (wie die "auf Vorschlag des Gauleiters der NSDAP berufenen" Gemeinderäte im Dritten Reich hießen) (
68) 1935 die seit Jahren zurückgestellten, nun aber dringend erforderlichen Neuanschaffungen und Verbesserungen beschlossen und im Gesamtbetrag von 3.657 RM ausführen ließen. Unter anderem wurden eine neue Heizkesselanlage für 640 RM eingebaut, ein Verbandsstoffsterilisator für 932 RM beschafft und Handwerkerarbeiten für über 1.200 RM durchgeführt. Ferner diente die Leichenhalle des Krankenhauses, die "während der wohnungsknappen Zeit zu einer Wohnung ausgebaut worden war", ab 1. April 1935 wieder ihrer alten Bestimmung "und wird wieder ein würdigen Raum sein, in dem die Toten aufgebahrt werden können" (69). Am Schluß der erwähnten Aufstellung heißt es: "Das städtische Krankenhaus Idstein befand sich Ende des Berichtsjahres (1935) in baulich und wirtschaftlich guten Verhältnissen".

 

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