Fassenacht beim Turnverein

Bevor der Turnverein die Damensitzungen "offiziell" ausrichtete, hatte sich in Idstein eine lange Tradition gebildet, die hier in Auszügen tabellarisch wiedergegeben werden soll:

1838 Gründung des MCC (Mainzer Carnevals-Club)
Nach den Napoleonischen Kriegen, als sich Bespitzelung und Duckmäusertum in Deutschland breitmachten, bestimmten politische und freiheitliche Bestrebungen das Karnevalsgeschehen.
(" Elferrat": ELF: = Egalité, Liberté, Fraternité); damit sind die Ideale der französichen Revolution, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit gemeint).
In den "Sitzungen" wandte man sich in der Maske des Humors gegen das autoritäre System der Fürsten und Kabinette.
 
1850 Der 10. 2. gilt als erste sichere Nachricht für einen Maskenball in Idstein; die Anzeige im Ohlen- macher'schen Blatt sagt weiterhin, daß dieser im "Goldenen Lamm" stattgefunden hat und daß der Gastwirt Adolf Wiegand hieß.
Ein freundlicher Hinweis von Frau Christel Lentz führt zu einer noch früheren sicheren Datierung eines Maskenballs.
In ihrem Buch (“Das Idsteiner Schloß”, Idstein 1994) steht auf Seite 139:
“Am 24. Februar (1846) mittags 12 Uhr wurden die Büros, weil Fastnacht war, geschlossen...um 19 Uhr erschien der Sohn des in der Nähe wohnenden Archivdieners...und im selben Augenblick kam der Pedell mit der Nachricht, daß im Schloß Feuer ausgebrochen sei...Die Idsteiner Bürgerschaft, die sich zum größten Teil schon auf Fastnachtsbälle begeben hatte, kam unverzüglich zum Schloß, ohne Unterschied ihres Standes, Alters und Geschlechts, um bei den Löscharbeiten zu helfen.”
 
1857 13. Februar:
"Zur Nachricht! Der Unterzeichnete macht die ergebenste Anzeige, daß Montag, den 23. und Dienstag, den 24. Februar d. J. dahier ein großer Carnevals=Aufzug stattfindet, darstellend das Kirchweihfest im Schwabenland etc. Das auswärtige Publikum dazu einladend, mache ich die Bemerkung, daß an diesen Tagen in meiner Kaffee=Wirthschaft nebst sonstigen Backwaaren auch vorzüglicher Kerbekuchen zu haben ist.
Friedrich Junior,
vulgo ‘Bäckerfritz’
"

In den nächsten Jahren werden wohl zur Fastnachtszeit Tanzveranstaltungen annonciert, der "große Wurf", so Max Kirmsse, gelingt erst wieder
1863. Am 17. 2. wird im Hotel "Rübsamen", heute "Deutsches Haus", die "Narredey"-Gesellschaft "Jocus" gegründet.

1870 Die carnevalistische Gesellschaft "Sprengkenkel" erblickt die Narrenwelt. Vereinslokal ist das "Goldene Lamm".
Auch wird hier noch, wie 1857 die Fastnacht mit der Kerb verbunden, da die Kerb anscheinend "eingeschlafen" ist.

1882 Im "Deutschen Kaiser", heute "Deutsches Haus", wird der "Carneval-Verein" ins Leben gerufen, der bald wieder im Dunkel der närrischen Geschichte verschwindet.

1883 Am 31. Januar findet in der "Traube" die erste Idsteiner "Damensitzung" statt. Das erste gedruckte Liederheft erscheint u. a. mit dem Lied "In Idstaan is es scheen".
Die "Narrengesellschaft Idstein" tritt in Erscheinung.
 
1896 Der Turnverein 1844 veranstaltet in der Turnhalle einen "entréefreien" Maskenball:
Damit hat die fassenachtliche Verwertung der Halle durch die Turner begonnen.
Festwirt ist August Schaar aus dem "Löwen". Die Halle wird bald der Tanz- und Schunkelpalast der Idsteiner Narren.
 
Herausragende Persönlichkeiten der Idsteiner Fassenacht um die Jahrhundertwende waren:
H. Berninger, Hermann Leber, Zimmermann, Kubatzky, Fritz Ziegenmeyer, Ehrenpräsident K. Schambier ("Krone"), Hupfer, Christian Vietor, Weber, Lisbeth Hohly, Adolf Witt und Jacobi.

Bäckermeister Christian Dietrich (langjähriger TV-Vorsitzender) gab dem "Pinkepeter" Gestalt.
Franz Vietor war Verfasser zahlreicher Büttenreden und Lieder.
Ebenfalls nicht fehlen sollen in dieser bruchstückhaften Aufzählung Gustel Hill, Fritz Junior, Karl Römer, Fritz Leidner sen., Emil Best, Louis Jacobi, Karl Höhler und Franz Hack.
 
1921 Die Mitglieder des Carnevalsvereins wie Christel Dietrich, Fritz Junior, Heinrich Roos, Heinrich Reichert und Louis Werner geben die Fastnachtstradition an den Turnverein weiter.
Seit dieser Zeit nun veranstaltet der TV 1844 Idstein seine Damensitzungen.

Eine der ersten Sitzungen der TV-Fassenachter, 1921 oder 1922, die im Saalbau des Gasthofs "Zum Löwen" (Meininghaus) stattfand, hatte als Bühnenbild einen Nachbau des "Flettner-Rotorschiffes".
(Flettner, 1885 in Eddersheim a. M. geboren, war der Ansicht, man könne Segelschiffe mit rotierenden Hohlzylindern anstelle der Segel antreiben. Die Ansicht war irrig.)
Ungeachtet dessen hatte die Idee Flettners zur Folge, daß man im Saale Meininghaus auf einer schiefen Ebene das festgezurrte Schiff sah, in dem die Elferratsbesatzung saß.
Die Halteleine wurde gekappt, das Boot bewegte sich langsam zur Bühnenmitte. Auf Befehl des Kapitäns "Ede" Neitzer "Werft Anker!" nahm sein Steuermann Wilhelm Reichert einen Pickel (Kreuzhacke), die zum Anker umfunktioniert war, und schlug diesen beherzt in den hölzernen Bühnenboden.
Da die Kraft des Steuermanns (und Schlossermeisters) keine geringe war, zudem noch vervielfacht durch genossenen Rebensaft zwecks Vermeidung von Lampenfieber, kam es zum Eklat:
Meininghaus stoppte schreiend die Veranstaltung!
Noch Jahre später berichtete Ede:"Was hott der sich domols uffgeführt!" (siehe Bild unten)
Präsident war bis 1930 Franz Vietor, bis 1963 Eduard "Ede" Neitzer, dann Karlheinz Reichert, ab ..?.. gefolgt von Wolfgang Heller.
Als Protokoller fungierten Ede Neitzer, Wilhelm Reichert, Ludwig Kratz und danach Gerd. H. Boettger.

Gesangliche Darbietungen boten Dachdeckermeister Friedrich Barthel sen., Martha Gross, Gertrud Müller, Irene Schmidt und Elfriede Müller-Ehmer.
Weiter war die Familie "Knorzel" mit Erich Müller, Werner Fried, Adolf Tappé (später Heinz Faust) zugange, Sketche steuerten Lilly Junior, Sofie Fried, Martha Witt, Ada Grandpierre, Gustl Winkler, Else Recker, Clärchen Greuling und Erna Sprenger bei.
Narrisch gebärdeten sich auch Otto Lindenborn, Willi Lenz, Karl Rau, Julius Reichert und Georg Grandpierre der Ältere.

Lieder zum Mitsingen und Schunkeln kamen von Franz Vietor, Ede Neitzer, Lilly Junior, Heinz Faust, Gerd H. Boettger, Wolfgang Heller, Karlheinz Reichert, Heinz Michel und anderen.

Einzelredner waren Seppl Reischmann sen , Gerd Boettger, Heini Lentz, Heinz Janocha, Gerhard Gonsiorowski, Karl Krämer und Lothar Seel.
 
Ein "Standard" erfreute jahrelang alle Närrinnen und Narren:
Das Zwiegespräch Mann und Frau von Bäckermeister Reischmann und Schlossermeister Reichert.
Das Dreiergespräch Wolfgang Heller, Klaus Schmidt und Helmut Schmidt geriet ebenso zum "Renner" wie der Auftritt der "Hexenschützen" (Helmut, Ernst und Thomas Fischer, Peter Faust und Wolfgang Heller), die mit frischem Text auf aktuelle Schlager per Gesang vom Lokalen bis zum Globalen vor nichts zurückschreckten (Die "Hexenschützen steckten auch mannhaft weg, daß sie von Elferratspräsident Karlheinz Reichert jahrelang als "Die Sänger vom Finsternwalde" angesagt wurden!).

Der "Showblock" der Musikfreunde Idstein ist ebenso haften geblieben wie der alljährliche Beitrag der "Tanzexperten", seien es nun die Turnerfrauen, die "Funkemariecher" oder die Mitglieder des fast elfenhaft dahingleitenden Männerballetts. Vom Nachwuchs ist Nicole Fischer als Büttenrednerin zu nennen.

rechts, von links nach rechts:
Heinz Böhme, Lily Junior
und Sofie Fried bei der “Arbeit”
 

Bevor eine umfassende Würdigung der Idsteiner Fasse- nachter durch Gerd H. Boettger erscheint, seien, gewisser- maßen um die Wartezeit zu überbrücken, nun noch die Na- men weiterer Karnevalsgrößen genannt, die nicht oder nicht nur bei den Damensitzungen des TV 1844 mitmachten:

Die Präsidenten Weißbindermeister Karl Baum, später Rudolf Scheurer und die Protokoller R. Scheurer und Hans Steiner ragten hervor. Mitwirkende waren Heinz Janocha, Ernst Bücher, Karl Schmitt, Ludwig Diehl, Karl Krämer, Albert Rückert, Willi Stringa, Theo Kraft, Otto Häusler, Heinz Klaus und Edmund Hebel.

Von 1922 bis 1939 machten Karl und Heinrich Baum, Max Föth , Albert Sprenger, Adolf Best, Jette Rückert und Dettel Rübsamen von sich reden.

Von 1948 bis 1950 gab es den Carnevalsverein "Idsteiner Bütt´", deren Vorsitzender der Malermeister Karl Junior war. Der "harte Kern" dieser närrischen Aktionen bestand aus Rainer Heller, Karl Krüger, Willi Stringa, Emil Berninger, Fritz und Willi Best.
 
Den Schluß sollen nun noch die Musiker machen:
Ohne die "MELODIA" (Ltg. Günther Kuhn), die "RHYTHMIKER" (Ltg. Herbert Schmidt), die "COMETS" (Ltg. Wolfgang Richter) und die "SONORAS" von Günther Vollmer hätte manche Veranstaltung überhaupt nicht stattfinden können.

 

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